100 Jahre




Ein Modell der Demokratisierung durch Vervielfältigung

In einer Zeit, in der Kunst zunehmend als Spekulationsobjekt als Ware gehandelt wird, verkörpert die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V. ein radikales Gegenmodell: Originalkunst zugänglich machen, ohne elitäre Schwellen, durch Editionen zum Selbstkostenpreis und mit dem ausdrücklichen Verzicht auf Weiterverkauf. 1925 von dem Volksschullehrer Johannes Böse gegründet, feiert der Verein 2025 sein hundertjähriges Bestehen. Ein Jubiläum, das nicht nur zurückblickt, sondern grundlegende Fragen der Kunstvermittlung neu stellt.

Böse, inspiriert von Alfred Lichtwark und dem Volksbildungsgedanken der Weimarer Republik, wollte Kunst aus ihrer elitären Verankerung lösen. Der Name „Griffelkunst“ geht auf Max Klinger zurück, der damit die Kunst des Zeichnens und Druckens auf Papier bezeichnete. Gleichwertig zur Malerei, aber reproduzierbar. Mit 79 Mitgliedern begann der Verein 1925 in der Siedlungsschule Langenhorn (heute Fritz-Schumacher-Schule). Das Prinzip: Mitglieder zahlen einen Beitrag und erhalten Originalgrafiken zum Produktionspreis. Spekulation ist von Beginn an ausgeschlossen, der Weiterverkauf verboten.

Heute zählt der Verein rund 4.500 Mitglieder bei einer Warteliste von mehreren Jahren. Viermal jährlich erscheinen neue Editionen zur Auswahl: Lithografien, Radierungen, Siebdrucke, Fotografien, Multiples.

Die Auflage richtet sich nach der Mitgliedernachfrage. Über 1.000 Künstler haben beigetragen: von Max Pechstein und Oskar Kokoschka über Gerhard Richter, Horst Janssen und Sigmar Polke bis zu zeitgenössischen Positionen wie Emma Talbot, Jonathan Meese oder Sabine Hornig.

Zum Jubiläum erscheint das Buch VIELFALT – 100 Jahre griffelkunst (hrsg. von Dirk Dobke), das Geschichte und Bandbreite der Editionen dokumentiert. Ausstellungen wie „and so on to infinity“ in der Hamburger Kunsthalle oder „Flirt und Fantasie“ in der Kunsthalle Bremen präsentieren Hunderte von Werken und unterstreichen die kulturgeschichtliche Bedeutung: ein Verein, der Kunst nicht als Ware begreift, sondern als alltägliches Erlebnis, zum Mitnehmen, Aufhängen, damit Leben.

In einer digitalen Ära, in der Vervielfältigung einfacher denn je ist, wirkt dieses analoge Modell zugleich anachronistisch und hochaktuell. Es schützt vor Spekulation, ermöglicht unmittelbare Begegnung und bietet Künstlern faire Bedingungen.

Dass solche Fragen heute wieder gestellt werden, zeigt sich auch in unabhängigen Projekten, die Kunst sichtbar und zugänglich machen wollen, statt sie elitär zu verteilen.

Die griffelkunst beweist seit einem Jahrhundert: Demokratisierung gelingt, wenn der Dialog wichtiger wird als der Markt. Ein Modell, das heute inspirierender ist denn je.

Warum uns das heute noch angeht

Die griffelkunst hat vor hundert Jahren etwas getan, das heute beinahe unvorstellbar wirkt: Sie hat den Markt nicht reformiert, sie hat ihn umgangen.

Der Zugang zur Kunst folgte weder dem Preis noch der Knappheit oder dem Wiederverkaufswert sondern durch Teilnahme.

Mitgliedschaft ersetzte Auswahl, Vertrauen den Geschmack und Vervielfältigung wurde zu einer Haltung.

Heute ist Kunst allgegenwärtig. Sie hängt in Hotellobbys, wird gedruckt, gestreamt, geliked. Demokratisierung scheint erreicht und ist doch oft nur Verfügbarkeit.

Die griffelkunst war nie naiv. Sie wusste, dass Kunst Geld kostet. Aber sie hat entschieden, wo das Geld endet und wo der Markt keinen Zutritt mehr hat.

100 Meisterwerke steht nicht in der Tradition der griffelkunst.
Aber wir erkennen in ihr eine Verwandtschaft.

Auch dort entsteht Wert nicht durch Knappheit, sondern durch Bedeutung. Es geht nicht um Verkauf, sondern um Geschichten und um Aufmerksamkeit auch für das Unscheinbare. In einer Zeit, in der jede Vervielfältigung sofort zu Geld gemacht werden kann, wird das bewusste Nichtverwerten zur Haltung.

Die griffelkunst zeigt: Demokratisierung ist kein technisches Problem. Sie ist eine Frage der Struktur.

Wer hat Zugang?
Mitglieder, nicht Käufer.

Nach welchen Regeln?
Teilnahme, nicht Kaufkraft.

Mit welchem Ziel?
Bildung und Teilhabe, nicht Profit.

Die Struktur ist das Betriebssystem dahinter: Vereinsform, Selbstkostenpreis, Verkaufsverbot, Jury-Auswahl, dezentrale Gruppen. Das sind bewusste Entscheidungen gegen Marktlogik.

Die Geschichte der griffelkunst endet nicht, sie setzt sich fort als leiser, beharrlicher Beweis dafür, dass Kunst, Künstler und Öffentlichkeit einander anders, nachhaltiger begegnen können.

Quelle / Grundlage

Dieser Beitrag basiert auf dem Text

Dirk Dobke: „Griffelkunst – Die ersten 100 Jahre“,

erschienen im Jubiläumsband 100 Jahre – 100 Bilder – 100 Texte, Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e. V., 2025.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.